Räumst du noch auf oder lebst du schon?

Mein alljährlicher Frühjahrsputz steht wieder mal vor der Tür. Und um ein bisschen Inspiration zu finden, dachte ich mir, ich schau mal, wie die anderen es mit Sauberkeit haben. Da gibt es zum Beispiel meinen Freund, der einen feinen und minimalistischen Stil hat. Will heißen, dass er weniger Krimskrams besitzt als ich … Dann ist es nun einmal leichter, Ordnung zu halten. Außerdem gönnt er sich den Luxus einer guten Fee, die gelegentlich kommt und Wunder vollbringt. 

Von der Lust des Aufräumens für und vor anderen

Aber es gibt auch Fanatiker der Ordnung, die bevor die Putzfrau überhaupt kommt, noch schnell „drüber wischen“ … Schwer zu verstehen. Wenn es schon sauber ist, brauche ich doch keine putzende Fee mehr! Vielleicht handelt es sich ja hierbei um Personen mit dem Sternzeichen Jungfrau, die sind ja bekannt für ihren Hang zur Pedanterie. 

Da ich mich allerdings weigere, mit Mitte Zwanzig nach einer Putzfrau zu suchen, höre ich mich weiter um nach brauchbaren Tipps und Tricks, um den Haushalt auf Trab zu halten. 

Was schon beim Engagement einer Putzhilfskraft eine Rolle spielt, nämlich die Lust-Unlust, die Spannung anderen beim Aufräumen und Putzen zuzusehen, treibt mediale Blüten. So kommt es auch, dass ich auf eine neue Netflix-Serie stoße, die meine Probleme lösen soll. Sie nennt sich „Aufräumen mit Marie Kondo“ und handelt von der Japanerin Marie Kondo, die Haushalte in Kalifornien besucht, um endlich wieder für Ordnung zu sorgen. 

Es ist verblüffend, aber Kondos Bücher, die Titel tragen wie „Magic Cleaning“, wurden mehr als sechs Millionen Mal verkauft. Ich kann mir nicht genau vorstellen, was diese „KonMari-Methode“ so einzigartig macht, also beginne ich, mir die Serie zu Gemüte zu führen. 

Kondos Rettungskommando

Jede Folge beginnt damit, dass eine Familie über ihre derzeitige chaotische Lage berichtet, die mit starkem psychischem Druck und gegenseitigen Vorwürfen einhergeht. Da ist zum Beispiel eine Familie mit zwei Kindern. Die Mutter Karen ist verzweifelt, da sie den Haushalt nicht auf die Reihe bekommt. Der Vater arbeitet außer Haus und ist ein Freund der Ordnung. Es gibt Meinungsverschiedenheiten, da die Mutter unter dem Stress leidet, Familie und Haushalt nicht auf die Reihe zu bekommen, wodurch dann auch die Beziehung zu ihrem Mann in Mitleidenschaft gezogen wird. Doch dann kommt die Heilsbringerin Marie Kondo. 

Prinzipalin der Ordnung

Kondo ist ein Engel der Reinlichkeit, allein ihr Erscheinen zeigt Wirkung. Als das Paar die Tür aufmacht, kommt es zu einem japanisch-amerikanischem Gekreische, man könnte es auch eine überaus herzliche Begrüßung nennen. Nun da  die Begrüßenden sich allerdings nicht kennen, beginnt der Weg zur Ordnung schon ein wenig mit Übertreibung. Der Aufräumtrupp kann also starten... 

Kondo muss sich erst einmal ein Bild des Tatorts machen, ehe sie mit reichlich reinlicher Passion los starten kann. Für eine Laie handelt es sich um einen Haushalt, wo eindeutig was erlebt wird: Zugegeben, eine Fotoreihe der Schöner Wohnen-Ausgabe sähe anders aus, allerdings wer will schon so leben? Als Kondo fragt, ob die Kinder denn wissen, wie man richtig aufräume, verneinen die Eltern. Es sieht natürlich ganz anders bei Kondos Nachwuchs aus. Sie liiieben es, wenn ihre Mutter aufräumt und wollen es ihr gleich machen. Es folgt ein Staunen mit einer Prise an Selbstvorwürfen seitens der amerikanischen Fraktion.

Danksagung an die Dinge und Ordnung im Schrank

Jetzt geht es endlich ans Eingemachte: Zuerst wird der gesamte Kleiderschrank unter die Lupe genommen: Jedes Kleidungsstück wird bezüglich des eigenen Glücksgefühls untersucht. Wird kein positives Gefühl evoziert, muss man sich von dem Kleidungsstück lösen. Aber halt! Davor bedankt man sich bei ihm. 

Den nächsten Teil des richtigen Faltens überspringe ich, da mir schon die Augen zufallen und wir zumindest noch das Ende der ersten Folge miterleben wollen. Die Familie bekommt nun Aufgaben, die sie ohne Frau Kondo bewältigen müssen. Nach insgesamt drei Wochen wird die ins Werk gebrachte Ordnung von Kondo überprüft. 

Ordnung als unendliche Aufgabe – oder doch ein Happy-End?

Ganz untypisch für eine Reality-Serie: Es gibt ein Happy End, mit einem nahezu perfekten Schöner Wohnen-Haushalt, einer überaus glücklichen Familie, die nun auch keine Beziehungsprobleme mehr hat, da das Putzen so spaßig ist, dass die ganze Familie anpackt. Ende gut, alles gut. Könnte man meinen.

Happy Ends mag jeder, aber wieviel Ordnung braucht der Mensch?

Ich wundere mich ein wenig über die Message dieses Serien-Formats. Braucht es wirklich einen japanischen Putzengel, damit ich mein Leben auf die Reihe bekomme? Kann ich ohne Expertenrat mein eigenes Reich hegen und pflegen? Welche Ansprüche habe ich eigentlich an Ordnung und Sauberkeit, und welche habe ich ungefragt übernommen. Bin ich mit mir selbst im Reinen? 

Zugegeben, ich beschäftige mich mit dem Thema immer nur soweit, bis ich es schlussendlich doch weggeputzt oder zur Seite gestellt habe. Ich räume auf, weil ich muss. Und offenbar, weil ich dann auch sehr schnell wieder mit mir klar komme. Ich will nichts beweisen, keine Werte bewahren und an keinem Lifestyle partizipieren. Grundsätzlich bezweifle, dass die Ordnung die Lösung aller familiären und persönlichen Probleme bringt. 

Das größe Glück, wenn man nach Hause kommt

Es tut gut, wenn man nach Hause kommt, und vor einem erstrahlt eine Augenweide. Das größte Glück bleibt aber, wenn man nach Hause kommt und auch mal entspannen kann, selbst wenn es nicht picobello aufgeräumt ist. Man muss sich ja auch nicht immer rausputzen, um sich in seiner eigenen Haut wohl zu fühlen. Denn wahre Schönheit und vor allem Selbstbewusstsein bemerkt man auch in einem gemütlichen Schlabberpulli. Wir sollten besser keine Neurose entwickeln, damit wir uns in unseren in eigenen vier Wänden heimelig fühlen. 

Außerdem scheint das Thema der Ordnung sowieso nicht sonderlich rebellisch zu sein. Da denke ich jetzt daran, was Albert Einstein gesagt haben soll, dass nur das Genie das Chaos beherrscht. Wir Rebellen plädieren also für eine ordentliche Portion Chaos! Stellen wir den Optimierungswahn mal bei Seite (vielleicht sogar in den Abstellraum) und lernen, mit dem Unperfekten Seite an Seite zu leben. 


Das gute Leben Elisabeth Guggi